Artikel | 02/05/2024 12:48:20 | 10 min Lesezeit

Auswirkungen der EU-Verordnungen auf den Holzbau

Sara Steensig

Redakteurin, Tulus

Wie wirken sich die Entscheidungen der Europäischen Union auf die Holzbauindustrie aus? Im Folgenden finden Sie eine Übersicht über die wichtigsten Vorschriften, Verordnungen und Initiativen und erfahren, wie sich diese auf Ihr Tagesgeschäft im Holzbau auswirken.

Für den Holzbau gelten in den verschiedenen Phasen der Wertschöpfungskette – vom Wald bis zum Ende des Produktlebenszyklus – eine Vielzahl von EU-Vorschriften. Um zu verstehen, welche EU-Verordnungen, -Richtlinien und -Initiativen für die Holzbaubranche am wichtigsten sind, haben wir zwei Fachleute gebeten, uns durch die vielen Richtlinien, Verfahren und Vorschriften zu führen.  

Erfahren Sie mehr über den aktuellen Stand des Holzbaus in Europa, wohin die Reise geht und worauf Sie achten müssen, um sich einen Vorsprung zu verschaffen. 

Große Unterschiede zwischen den einzelnen EU-Ländern 

Betrachtet man den europäischen Kontinent aus der Vogelperspektive, so sind Anzahl und Zustand der Holzbauten von Land zu Land sehr unterschiedlich. Diese Unterschiede hängen unter anderem mit Klima, Erfahrungen und Traditionen, aber auch mit der Politik zusammen.  

Ein gutes Beispiel für eine Politik, welche den Holzbau fördert, findet sich in Frankreich, wo die Hälfte aller für öffentliche Bauten verwendeten Materialien aus Holz oder anderen nachhaltigen Materialien bestehen muss. In den nordischen Ländern unterstützt der starke Fokus auf einen geringen CO2-Fußabdruck beim Bauen indirekt die Verwendung von Holzprodukten.  

“In Dänemark bekommt man keine Baugenehmigung, wenn die Emissionswerte zu hoch sind“, erklärt Aila Janatuinen, Chief Advisor der Federation of the Finnish Woodworking Industries. “Wenn der CO2-Fußabdruck überwacht und begrenzt wird, profitiert davon in der Regel Holz als CO2-armes Baumaterial.“ 

Petri Heino vom finnischen Umweltministerium weist auf die von Finnland und Österreich ins Leben gerufene European Wood Policy Platform (WoodPoP) hin. Dieser Plattform haben sich 27 europäische Länder angeschlossen, die Erfahrungen und Best Practices im Hinblick auf eine holzfördernde Politik austauschen.  

“Dies ist sehr wichtig, da sich der Holzbau in den verschiedenen europäischen Ländern in sehr unterschiedlichen Stadien befindet“, so Heino, der als Programmdirektor für das Holzbauprogramm der finnischen Regierung (2016–2023) die Entwicklung der Branche genau verfolgt hat. 

Aufgrund der kulturellen, geografischen und politischen Unterschiede zwischen den europäischen Ländern werden Gesetze, die speziell den Holzbau betreffen, auf nationaler Ebene erlassen. Die EU wiederum erlässt allgemeine Vorschriften für den gesamten Bausektor, die sich auch auf den Holzbau auswirken. Wie viele andere Bemühungen der EU haben auch die Klimaschutzinitiativen der EU einen Einfluss auf die Attraktivität von Holz als Baumaterial.  

Werfen wir einen Blick auf die wichtigsten Aspekte. 

 
 

CO2-Neutralität bis 2050

Die Initiativen und Gesetze der EU dienen der Erreichung größerer politischer Ziele, erklärt Heino. “Eines der wichtigsten Ziele ist derzeit, bis 2050 klimaneutral zu werden.“  

Um dieses Ziel bis 2050 zu erreichen, hat die Kommission eine Vielzahl von Initiativen zur Emissionsreduzierung gestartet, darunter den Europäischen “Green Deal”, Fit für 55 und das Neue Europäische Bauhaus.  

Während der Green Deal den Schwerpunkt auf den umfassenden ökologischen Wandel legt, der zur Erreichung des Ziels bis 2050 notwendig ist, soll mit Fit für 55 die europäische Gesetzgebung überarbeitet werden, um den Nettoausstoß von Treibhausgasen in der EU bis 2030 um mindestens 55 % zu reduzieren. Eine damit verbundene Initiative, das interdisziplinäre Neue Europäische Bauhaus, befasst sich mit einer bereichernden, nachhaltigen und integrativen Baukultur für alle Europäer. 

“Das Neue Europäische Bauhaus ist ein starkes Signal der Unterstützung der Kommission für die Verwendung erneuerbarer und natürlicher Materialien insbesondere im Bausektor“, so Heino.  

Holzbauten als Kohlenstoffspeicher 

Ein weiterer interessanter Vorschlag ist das EU-Rahmenzur freiwilligen Zertifizierung von CO2-Entnahme, der in Europa einen rechtlichen Rahmen für die Bindung und die Entnahme von Kohlenstoff aus der Atmosphäre schaffen soll. 

“Holzprodukte aus dem Bausektor können am Ende ihres Produktlebenszyklus in Form von Holzkohle Kohlenstoff binden. Darüber hinaus weist die Kommission darauf hin, dass langlebige Produkte wie Baustoffe auf Holzbasis als Kohlenstoffspeicher fungieren können“, sagt Heino, der die Zertifizierung der Kohlenstoffentnahme als positive Maßnahme für den Holzbau begrüßt.  

“Man muss jedoch im Auge behalten, welche Anforderungen und Berechnungsmethoden hier zur Anwendung kommen. Optimal wäre es, das Kohlenstoffspeicherpotenzial des gesamten Gebäudebestands, anstatt jedes einzelnen Produktes zu betrachten. Ähnlich wie bei den Wäldern: Es geht nicht um den einzelnen Baum, sondern um den Kohlenstoff, den die gesamte Waldfläche binden kann“, sagt Heino.  

“Damit diese Dinge sinnvoll umgesetzt werden, braucht die Holzindustrie eine ebenso starke Vertretung in der EU, wie sie die Beton- und Stahlindustrie bereits haben.“ 

 
 

Geringe Umweltbelastung als Kriterium für die CE-Kennzeichnung

Die Bauproduktenverordnung (BauPVO) gehört zu den EU-Verordnungen, die sich direkt auf die Holzbaubranche in allen Mitgliedsländern und darüber hinaus auswirken. 

Die BauPVO betrifft alle Bauprodukte, nicht nur solche aus Holz. Derzeit wird sie überarbeitet, um nachhaltige Produkte in der EU zum Standard zu machen und Kreislaufwirtschaftsmodelle zu fördern.  

In der überarbeiteten BauPVO sollen die Umwelteigenschaften von Bauprodukten in die Kriterien für die CE-Kennzeichnung aufgenommen werden. Die CE-Kennzeichnung ist ein Beleg für die Übereinstimmung eines Produkts mit den grundlegenden EU-Anforderungen, sodass es im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) frei vermarktet und verkauft werden kann.  

“Die wichtigste Umwelteigenschaft von Bauprodukten ist die CO2-Bilanz“, so Aila Janatuinen. “Da die Klimaauswirkungen von Holzprodukten geringer sind, als die anderer Produkte, wird die Überarbeitung der Vorschriften den Einsatz von Holzprodukten im Bauwesen fördern.“  

Schwerpunkt auf die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden 

Ein weiteres erwähnenswertes EU-Gesetz ist die Richtlinie zur Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden, “die Schwester der Energieeffizienz-Richtlinie im Baubereich“, wie Janatuinen es ausdrückt. Dieser Rechtsrahmen, der derzeit ebenfalls überarbeitet wird, soll die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden verbessern.  

“Nur etwa zwei Prozent des Gebäudebestands sind Neubauten, daher zielt diese Richtlinie vor allem auf die Verbesserung der Energieeffizienz von Bestandsbauten ab“, erklärt Janatuinen.  

Mit der Überarbeitung verlagert sich der Schwerpunkt auch auf die Untersuchung des Energieverbrauchs von Gebäuden während ihres gesamten Lebenszyklus, einschließlich der bei der Herstellung von Bauprodukten verbrauchten Energie, der so genannten grauen Energie, betont sie. 

“Dies verbessert die Position von Holzprodukten, da der Energieverbrauch bei der Herstellung anderer Materialien höher ist als bei Holzprodukten.“  

 
 

Mit einem nachhaltigen Lieferanten einen Schritt voraus

Wie können sich Fachleute aus der Holzbaubranche am besten auf die Vorschriften und Initiativen vorbereiten, die in nächster Zukunft seitens der EU erlassen werden?  

Janatuinen und Heino sind zuversichtlich, dass die EU weiterhin emissionsarmes Bauen fördern wird, was in erster Linie die Verwendung von Holz bedeutet. Sie betonen außerdem die Bedeutung von umweltbezogenen Produktdatenblättern (Environmental Product Declaration, EPD). Diese Datenblätter sind international vergleichbare, durch unabhängige Dritte überprüfte Dokumente, die Bauunternehmern und Planern helfen, die Umweltauswirkungen der in ihren Projekten verwendeten Produkte und Materialien besser zu verstehen.  

Bislang waren EPDs freiwillig, aber UPM Plywood stellt bereits für WISA-Sperrholzprodukte EPDs zur Verfügung.  

“Alle in der Branche tätigen Akteure sollten sich mit der Terminologie auskennen: Es gibt den CO2-Fußabdruck und den CO2-Handabdruck, worunter man eine positive Auswirkung versteht. Die Abdrücke sind aus den EPDs ersichtlich, die auf den Websites der jeweiligen Hersteller zu finden sind“, sagt Janatuinen. 

Petri Heino unterstreicht, dass die Bemühungen, die Klimabilanz der bereits jetzt sehr nachhaltigen Holzprodukte zu verbessern, fortgesetzt werden.  

“Die von der EU vorgegebene Richtung ist klar: Wir streben CO2-Neutralität an. Das bedeutet, dass alle Unternehmen den Fußabdruck der von ihnen hergestellten, verkauften oder eingesetzten Produkte kennen müssen. Daher müssen nicht nur für alle Produkte EPDs vorliegen, sondern es müssen auch Pläne zur Verringerung der Emissionen vorhanden sein“, betont Heino.  

“Man muss proaktiv handeln und besser sein, als es die Gesetzgebung verlangt.“

 

Arten von EU-Gesetzen

Verordnungen: Rechtsvorschriften, die unmittelbar gelten und in ihrer Gesamtheit in allen EU-Ländern verbindlich sind. 

Richtlinien: Geben den EU-Ländern vor, ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen, überlassen ihnen aber die Art und Weise, wie sie das tun. 

Empfehlungen und Stellungnahmen: Ansichten und Vorschläge der EU-Institutionen ohne rechtliche Verpflichtungen. 

Quelle: Europäische Kommission

 

Wichtige politische Maßnahmen, Initiativen und Gesetze der EU

Europäischer Green Deal: Ein Paket politischer Initiativen, um das EU-Ziel der CO2-Neutralität bis 2050 zu erreichen. 

Fit für 55: Überarbeitung der EU-Gesetzgebung und Initiativen zur Reduzierung des Nettoausstoßes von Treibhausgasen um mindestens 55 % bis 2030.  

Neues europäisches Bauhaus: Initiative, die den Europäischen Green Deal mit einer sorgsamen Baukultur verknüpft. 

EU-Taxonomie: Ein gemeinsames Klassifizierungssystem für nachhaltige Wirtschaftstätigkeit. 

Zertifizierung von Maßnahmen zur CO2-Entnahme: Ein freiwilliger europaweiter Rahmen zur Zertifizierung von Kohlenstoffentnahmen. 

Bauproduktenverordnung: Einheitliche Vorschriften für die Vermarktung von Bauprodukten in der EU. 

Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden: Richtlinien und unterstützende Maßnahmen, die den nationalen Regierungen bei der Verbesserung der Gesamtenergieeffizienz helfen. 

 
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